Theologische Hochschule Chur

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Die Kunst der scheuen Sprache   

Von Eva-Maria Faber

Mir gefällt das spanische Fragezeichen, das einem Fragesatz nicht nur folgt, sondern – auf den Kopf gestellt – ihm bereits vorangeht. ¿Sie kennen es? So wird eine Frage in beherzter Weise von vornherein als solche gekennzeichnet: Hier beginnt ein Satz, der auf der Suche nach Antwort ist!
Manchmal täte es auch sogenannten Aussagesätzen gut, sie könnten das Vorzeichen eines Fragesymbols tragen. So könnten wir jene Sätze markieren, in denen wir noch auf der Suche sind. Schliesslich sind wir keineswegs immer sicher, ob wir mit einer Aussage das Richtige schon getroffen haben oder ob wir für das, was wir sagen wollen, wirklich stimmige Worte gefunden haben.
Das gilt gerade auch im religiösen Bereich. Wer religiöse Aussagen nach Art einer exakten Sprache versteht, wie sie bei naturwissenschaftlichen und technischen Sachverhalten verwendet wird, wird sie entweder nicht verstehen oder sie gehörig missverstehen. Die Aussagen werden dann wie einschliessende Definitionen gelesen, obwohl sie doch eher Hinweise auf eine grössere Wirklichkeit sein wollen.
Könnten wir solchen Aussagen ein „spanisches Fragezeichen“ vorausgehen lassen, so wäre dies als Signal von grossem Ernst zu verstehen. Die damit gekennzeichnete Haltung des Fragens schmälert nicht die Wahrheit, um die es in einer Aussage geht. Darum ist es auch nicht beliebig, ob und wie darüber gesprochen wird, im Gegenteil. Religiöse Rede muss aber stets darum besorgt sein, ob das Gemeinte denn schon angemessen erkannt und hinreichend zur Sprache gekommen ist. Die Bemühung darum ist nicht weniger wichtig als bei technischen Aussagen, jedoch von anderer Art. Der Altbischof von Poitiers, Albert Rouet, stellt darum die selbstkritische Frage, ob wir Christen bereit sind, „das rechte Wort zu suchen, das niemals so genau sein wird wie Naturwissenschaft und Technik, eher wie der Klang einer grossen Orgel?“. Und er fährt fort: „Wir sollen uns mühen um das rechte Wort, und sei es schwerfällig und schmerzhaft. Ja, es ist schmerzhaft, weil es weh tut, nie genau mit dem übereinzustimmen, was wir sagen wollen“.
Es ist die Kunst der scheuen Sprache, diese Suchbewegung auszuhalten: sie also weder abzubrechen noch zu überspringen. Wenn es um die Beziehung zu Gott geht, um Gebet, um die Deutung des eigenen Lebens aus dem Glauben, dann wird man nach den rechten Worten tasten müssen. Das beginnt schon mit der Anrede Gottes. Die Psalmenbeter in der Bibel oder die Mystiker haben ganz verschiedenartige Bilder und Worte gesucht, mit denen sie Gott ansprechen könnten. Vielleicht braucht es ein ganzes Leben, um den Namen zu finden, der dem Gott, der das Du meines Lebens ist, wirklich entspricht. Vielleicht braucht es ebenso lang, bis mir der Name aufgeht, mit dem Gott mich anredet. Im Sprechen über den eigenen Glauben wird man dasselbe mehrmals sagen müssen, um erst durch die verschiedenen Perspektiven das Gemeinte zum Ausdruck zu bringen.
Ähnlich ist es mit der religiösen Sprache, die im gemeinsamen Raum der Kirche verwendet wird. Die Worte der Bibel und der kirchlichen Verkündigung müssen abgehorcht werden auf das, was sie bedeuten: worauf sie hindeuten wollen. Es braucht Geduld dafür, Gespür für die Eigenart scheuer Sprache. Sonst wird man sich entweder bald abwenden, weil die oberflächliche Lesart nicht bedeutsam wird; oder die religiöse Sprache verkommt zu Formeln und Parolen.
Worte, die wie der Klang einer grossen Orgel sind, werden nachklingen müssen. Sie wollen etwas zum Schwingen bringen. Auch wird der Künstler an einer Orgel sicherlich nicht ständig alle Register ziehen. So geht auch die scheue Sprache mit den grossen Worten zurückhaltend um. Sie muss sich doch oft erst in kleinen Schritten vortasten, scheut sich davor, Worte zu verwenden, die noch wie ungedeckte Schecks sind, und im Suchen entstehen Zwischenräume des Schweigens zwischen den Worten. Neben dem spanischen Fragezeichen täten unserer Sprache darum musikalische Pausenzeichen gut …

Erstveröffentlichung: Konradsblatt [Wochenzeitung für das Erzbistum Freiburg i.Br.] 98 (2014) Heft 20, 19.

14.06.2014


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