Theologische Hochschule Chur

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Die ökumenische Agenda angehen   

Von Eva-Maria Faber

Zu: Johannes Oeldemann (Hrsg.); Friederike Nüssel (Hrsg.); Uwe Swarat (Hrsg.); Athanasios Vletsis (Hrsg.): Dokumente wachsender Übereinstimmung. Sämtliche Berichte und Konsenstexte interkonfessioneller Gespräche auf Weltebene. Bd. 4: 2001-2010. Paderborn: Bonifatius; Frankfurt/M.: Lembeck, 2012. 1357 S. / CHF 117.00; Euro 84.00 (D); 86.00 (A) / ISBN 978-3-89710-492-1 bzw. 978-3-374-02920-4.


War schon für Band 3 ein wachsender Umfang der „Dokumente wachsender Übereinstimmung“ festzustellen, so hat Band 4 nochmals einen Sprung nach vorn gemacht: Auf 1357 Seiten publiziert er die weltweiten ökumenischen Dialoge zwischen 2001 und 2010 in deutscher Übersetzung (Bd. 1: 1931-1982: 709 Seiten; Bd. 2: 1982-1990: 769 Seiten; Bd. 3: 1990-2001: 840 Seiten). In gegenüber den Vorgängerbänden etwas veränderter Gliederung werden (A) die bilateralen Dialoge, (B) die Erklärungen auf kirchenleitender Ebene und (C) zentrale Dokumente aus dem ÖRK vorgelegt. Ein Wechsel der Herausgeberschaft ist Indiz für den Generationenwechsel in der Ökumene. Die Herausgeber der ersten drei Bände waren Ökumeniker der ersten Stunde: Harding Meyer (lutherisch), Hans Jörg Urban (katholisch), Lukas Vischer (reformiert) und ab dem zweiten Band Damaskinos Papandreou (orthodox). Den nun vorliegenden Band haben engagierte ökumenische Theologen der nachfolgenden Generation herausgegeben. Lutheraner und Reformierte werden aufgrund ihres Zusammenwachsens fortan durch eine gemeinsame Repräsentantin vertreten (Friederike Nüssel), während mit Uwe Swarat erfreulicherweise neu ein Vertreter der evangelischen Freikirchen in der Herausgeberschaft mitwirkt.
Die publizierten bilateralen Dialogen stehen teils in einer langen und vielgliedrigen Tradition (Anglikaner und Orthodoxe stehen seit 1930 im Dialog und veröffentlichten 2006 das sechste Dokument; der lutherisch/römisch-katholische Dialog hat seit 1967 das 10. Dokument hervorgebracht). Andere Dialoge haben gerade erst begonnen. So ist der alt(christ-)katholisch/römisch-katholische Bericht von 2009 das erste internationale Dialogdokument in dieser Konstellation. Neu begonnen haben auch der lutherisch/mennonitische und der mennonitisch/römisch-katholische Dialog.

Herausforderungen, die auf die Agenda gehören
Die wachsende Seitenzahl bei sinkender Zahl der Dokumente ist Folge des gewachsenen Umfangs der Dokumente. Damit verstärkt sich das alte Problem der ökumenischen Dialoge, hilfreiche und herausfordernde Reflexionen zu bieten, die jedoch in den Kirchen weder an der Basis noch bei den Kirchenleitungen hinreichend als Orientierungshilfe und Herausforderungen ankommen. Positiv zu vermerken ist zwar das Projekt „Harvesting the Fruits/Die Früchte ernten“, in dem der vormalige Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper, 2009 die Resultate der Dialoge, an denen die römisch-katholische Kirche beteiligt ist, gesammelt hat. Aus den bilateralen Dialogen gibt es aber nicht nur Früchte zu ernten. Man kann daraus nicht anders als nachdenklich zurückkehren, im Wissen, dass auch intern die eigenen Gewohnheiten und Strukturen auf den Prüfstand müssen. Ökumene wird oftmals zu bequem betrieben, als genüge es, Gemeinsamkeiten zu entdecken, ohne sich der Notwendigkeit von Umkehr und Veränderung zu stellen. Angesichts der Dialogergebnisse wäre es überaus dringlich, die Herausforderungen zu hören und auf die Agenda innerkirchlicher Hausaufgaben zu nehmen.
Eine dieser Herausforderungen sei hier noch näher beleuchtet.

Papst Franziskus: Neuausrichtung des Papsttums
Papst Franziskus hat in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium vom 24. November 2013 die Notwendigkeit einer „Neuausrichtung des Papsttums“ thematisiert. Ihn bewegt die zunächst binnenkatholische Einsicht, dass „eine übertriebene Zentralisierung … das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik [kompliziert], anstatt ihr zu helfen“. Deswegen formuliert der Papst in wünschenswerter Deutlichkeit: „Auch das Papsttum und die zentralen Strukturen der Universalkirche haben es nötig, dem Aufruf zu einer pastoralen Neuausrichtung zu folgen“ (Nr. 32).
In seinen Ausführungen greift Papst Franziskus auf eine ähnliche Absichtserklärung von Papst Johannes Paul II. zurück, die ihrerseits in ökumenischem Kontext stand. In der Einsicht, dass der Petrusdienst eines der vordringlichen Themen des ökumenischen Dialogs ist, öffnete sich Johannes Paul II. der Bitte, „eine Form der Primatsausübung zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet“ (Enzyklika Ut unum sint, 1995, Nr. 95). Er erklärte, dies nicht allein realisieren zu können, und lud darum zu einem „brüderlichen, geduldigen Dialog“ ein, um die Formen zu finden, „in denen dieser Dienst einen von den einen und anderen anerkannten Dienst der Liebe zu verwirklichen vermag“ (Enzyklika Ut unum sint, 1995, Nr. 95f).
Knapp zwanzig Jahre später bemerkt Papst Franziskus dazu nüchtern: „In diesem Sinn sind wir wenig vorangekommen“.

Der Petrusdienst in den ökumenischen Dokumenten
Wer vorankommen möchte, muss sich bemühen. In den bilateralen Dialogdokumenten, die zwischen 2001 und 2010 entstanden sind, ist in verschiedenen Kontexten vom Petrusdienst und von universalen Kirchenstrukturen die Rede, z.T. mit direktem Rückbezug auf die genannte Bitte von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 1995. Das Dokument „Kirche und Kirchengemeinschaft“, das als Bericht der internationalen römisch-katholisch/altkatholischen Dialogkommission 2009 (= AK-RK/1) vorgelegt wurde, versteht sich ausdrücklich als erste offizielle altkatholische Antwort auf diese Einladung (vgl. AK-RK/1, 20).
Bemerkenswerterweise wird das Thema des Petrusdienstes nicht nur in den Dialogen, an denen die römisch-katholische Kirche beteiligt ist, eingebracht. Auch der anglikanisch-orthodoxe Dialog (Die Kirche des dreieinen Gottes. Zypern-Erklärung der Internationalen Kommission für den anglikanisch-orthodoxen theologischen Dialog, 2006; = A-O/6) kommt auf die Frage des universalen Primates zu sprechen, der in Nr. 167 (im Konjunktiv, s.u.) der Kirche von Rom zugeordnet wird. Wie schon in früheren Dialogen kommt zum Ausdruck, dass zahlreiche nichtrömische Kirchen der Bedeutung eines universalen Einheitsdienstes aufgeschlossen gegenüber stehen (siehe zu früheren Dialogen den unten angegebenen Artikel von Burkhard Neumann). Beim Rückblick auf die Geschichte der Trennung zwischen der altkatholischen und der römisch-katholischen Kirche werden beispielsweise Differenzen über das Verhältnis von Ortskirche und päpstlichem Primat und die Dogmen des I. Vatikanischen Konzils benannt, dies aber mit der Ergänzung: „Die Altkatholischen Kirchen haben jedoch die besondere Stellung des Papstes für die Gesamtkirche nie in Frage gestellt“ (AK-RK/1, 20).
Als unverzichtbare Voraussetzung für eine ökumenische Verständigung über den Petrusdienst werden von nichtrömischen Kirchen jedoch weitere ekklesiologische Klärungen angesehen. Dazu gehört insbesondere das Verständnis der Gesamtkirche als Gemeinschaft von Ortskirchen (communio ecclesiarum) ebenso wie eine entsprechende kirchliche Praxis.

Kirche als communio ecclesiarum
Das Vorwort zum Bericht der internationalen römisch-katholisch/altkatholischen Dialogkommission weist darauf hin, „dass die sog. Papstfrage nicht isoliert erörtert werden kann, sondern nur in einer umfassenden Besinnung über die Kirche als Gemeinschaft von Ortskirchen, in denen die Eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, die wir im … Glaubenssymbol bekennen, existiert“ (AK-RK/1, 20). Im eigentlichen Bericht heisst es dann: Der Primat muss sich „im Rahmen einer Synodalität und Kollegialität der Ortskirchen und ihrer Bischöfe bewegen …; er wird näherhin im Licht einer Ortskirchentheologie bzw. der altkirchlichen ‚Patriarchatsverfassung‘ gesehen, so dass der Papst eben als erster der Patriarchen den universalen Primat ausübt“ (AK-RK/1, Nr. 29: 31).
Die Kirche ist nach diesem Verständnis nicht eine monolithische Grösse, die zentral von oben durch den Papst geleitet wird. Vielmehr ist sie eine Kirche in Einheit und Vielheit und besteht aus miteinander geeinten Ortskirchen, die jeweils im Vollsinn Kirche sind. In den Dialogen wird dieses Anliegen mit der Bezeichnung der Gesamtkirche als communio ecclesiarum und mit dem Begriff der Konziliarität festgehalten. Abgekürzt geht es um eine communio- oder koinonia-Ekklesiologie. Das Papstamt wäre als Dienst innerhalb dieser Struktur zu verstehen, nicht als Autorität, das die Bedeutung der anderen kirchlichen Ebenen aufheben würde.
Dieser Ekklesiologie wird in den Dialogtexten auch von römisch-katholischer Seite zugestimmt. So heisst es im Bericht der internationalen römisch-katholisch/altkatholischen Dialogkommission: „Im heutigen ökumenischen Gespräch anerkennt die römisch-katholische Seite die Berechtigung mancher Bedenken gegen diese Lehre [vom Petrusdienst] und macht geltend, dass der Jurisdiktionsprimat seinen Ort immer nur innerhalb der Communio-Struktur der Kirche haben darf“ (AK-RK/1, Nr. 33: 32). Zuversichtlich wird zum Ausdruck gebracht: „Diese Übereinstimmungen legen nahe, dass die auf dem Ersten Vatikanum formulierte Lehre des Primats des Papstes, wenn damit der Papst nicht aus der Communio-Struktur herausgelöst wird, nicht mehr das Gewicht einer kirchentrennenden Differenz wie früher haben muss“ (AK-RK/1, Nr. 39: 34). Auch im Studiendokument der lutherisch/römisch-katholischen Kommission für die Einheit „Die Apostolizität der Kirche“ (2006; = L-RK/10) wird für die römisch-katholische Theologie mit Nachdruck auf die kollegiale Gestalt und Natur des Bischofsamtes und die communio-Ekklesiologie des II. Vatikanischen Konzils hingewiesen (vgl. L-RK/10, Nr. 244: 609).

Ist- oder Soll-Zustand?
Zu reflektieren wäre dann aber auch, dass das Erscheinungsbild der römisch-katholischen Kirche diese Communio-Struktur der Kirche nicht hinreichend erkennen lässt. In den Augen anderer Kirchen ist die Balance zwischen Primat und Konziliarität nicht schon gefunden, sondern müsste erst gesucht werden.
Rückblickend in die Geschichte beklagt das lutherisch/römisch-katholische Dialogdokument in der Vorgeschichte der Reformation das Verschwinden der älteren Strukturen der kollegialen Kirchenleitung, wie z.B. der Provinzialsynoden (vgl. L-RK/10, Nr. 88: 559). „Die Kirche wurde kaum noch als eine Gemeinschaft von Ortskirchen verstanden, in denen unter bischöflicher Leitung die apostolische Botschaft am Leben erhalten wurde“ (L-RK/10, Nr. 88: 560).
Die anglikanischen Bischöfe „bitten eindringlich um weitere Arbeit, um das richtige Gleichgewicht zwischen dem Primat und der Konziliarität sicherzustellen“ (A-O/6, Nr. 166: 242f). Sie orten bereits auf der Ebene der Enzyklika von Papst Johannes Paul II. diesbezüglich einen blinden Fleck: „Die Bischöfe der Kirche von England erklärten in ihrer Reaktion auf die Enzyklika des Papstes Ut unum sint: ‚Es ist zu bedauern, dass die Enzyklika so wenig Bezug auf Ökumenische Konzile und andere konziliare Formen der Beratung und Urteilsfindung in der Kirche nimmt.‘“ (A-O/6, Nr. 166: 242).

Regionale Ebene: Bischofskonferenzen
Auffällig grosse Bedeutung haben für die ökumenischen Dialoge die Zwischenebenen zwischen der diözesanen Ortskirche und der Gesamtkirche, die meist als „regionale“ Ebene bezeichnet wird. Anglikaner und Orthodoxe formulieren zusammen, dass das Zueinander von Konziliarität und Primat auf allen Ebenen auffindbar sein muss. Unter Primat wird hier also nicht allein der Primat des Bischofs von Rom verstanden, sondern Leitungsautorität auf verschiedenen Ebenen: „Die theologische Argumentation für den Primat beginnt mit der lokalen und geht über zur regionalen und globalen Leitung. Der Primat findet somit einen immer breiteren Ausdruck in der bischöflichen Repräsentation des Lebens der Kirche. Das gewährleistet ein richtiges Gleichgewicht zwischen dem Primat und der Konziliarität; der Primas ist bei Bischofssynoden der Erste unter Gleichen“ (A-O/6, Nr. 167: 243).
Einen hohen Stellenwert hat dieses Thema im Dokument der gemeinsamen internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche „Ekklesiologische und kanonische Konsequenzen der sakramentalen Natur der Kirche. Kirchliche Communio, Konziliarität und Autorität“ von 2007 (= O-RK/19). Das Gefüge von Autorität und Konziliarität wird hier auf lokaler, regionaler und universaler Ebene thematisiert. Für die regionale Ebene wird eine Verwandtschaft der römisch-katholischen mit der orthodoxen Kirche wie folgt festgehalten: „In späteren Jahrhunderten haben sich sowohl im Osten wie im Westen gewisse neue Ausformungen von Communio zwischen Ortskirchen entwickelt. Neue Patriarchate und autokephale Kirchen sind im christlichen Osten gegründet worden und in der Lateinischen Kirche hat sich unlängst eine besondere Gestalt einer Bischofsversammlung herausgebildet, die Bischofskonferenzen. Diese sind von einem ekklesiologischen Standpunkt aus betrachtet nicht blosse administrative Unterteilungen: Sie bringen den Geist der Communio in der Kirche zum Ausdruck und respektieren gleichzeitig die Verschiedenheit menschlicher Kulturen“ (O-RK/19, Nr. 29: 841).
Die theologische Bedeutung dieser Ebene wird mit der Katholizität der Kirche verbunden: „In der Gruppierung von Ortskirchen auf der regionalen Ebene erscheint Katholizität in ihrem wahren Licht. Sie ist der Ausdruck der Heilsgegenwart nicht in einem undifferenzierten Universum, sondern in der Menschheit, wie Gott sie schuf, und kommt, um sie zu retten. Im Geheimnis der Erlösung wird die menschliche Natur gleichzeitig sowohl in ihrer Fülle angenommen als auch geheilt von dem, was Sünde ihr durch Selbstgenügsamkeit, Stolz, Misstrauen gegen andere, Aggressivität, Eifersucht, Neid, Falschheit und Hass eingeflösst hat. Kirchliche koinonia ist das Geschenk, durch das die ganze Menschheit im Geist des auferstandenen Herrn miteinander verbunden wird. Diese vom Geist geschaffene Einheit ist weit davon entfernt, in Uniformität zu verfallen, sondern ruft nach Verschiedenheit und Besonderheit und bewahrt, ja begünstigt sie sogar in gewisser Weise“ (O-RK/19, Nr. 31: 841).
Auch das Dokument der internationalen gemeinsamen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und den orientalisch-orthodoxen Kirchen „Wesen, Verfassung und Sendung der Kirche“ (2009; = OO-RK/18) rekurriert für die römisch-katholische Kirche auf die Bischofkonferenzen: „In neuerer Zeit sind in der Katholischen Kirche Bischofskonferenzen auf nationaler und regionaler Ebene eingerichtet worden. Das leitende Prinzip war jedoch immer dasselbe, nämlich das Geheimnis der Kirche als einer Gemeinschaft wirksam zu machen durch das gemeinsame Handeln der Bischöfe unter dem Vorsitz des Einen, den sie als den Ersten unter ihnen anerkannten“ (OO-RK/18, Nr. 49: 862).

Nochmals: Ist- oder Soll-Zustand?
Wer darum weiss, mit welcher Vehemenz die Bischofskonferenzen während des II. Vatikanischen Konzils bekämpft worden sind und wie restriktiv ihre Rolle nachkonziliar beschrieben wurde, wird diese Aussagen des ökumenischen Dialogs für sehr euphemistisch halten. Realistischer klingen da jene Aussagen, die im Dialogdokument zwischen der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche die gemeinsame Wertschätzung der verschiedenen Ebenen auf die Zeit bis zum 9. Jahrhundert begrenzen: „In der Geschichte des Ostens wie des Westens hat man, wenigstens bis zum 9. Jahrhundert, immer im Kontext der Konziliarität, entsprechend den Bedingungen der Zeit, für den Ersten (protos) oder das Haupt (kephale) auf jeder der festgesetzten kirchlichen Ebenen eine Reihe von Vorrechten anerkannt: lokal für den Bischof als protos seiner Diözese in Bezug auf seine Presbyter und sein Volk; regional für den protos jeder Metropolie in Bezug auf die Bischöfe seiner Provinz, und für den protos jeder der fünf Patriarchate in Bezug auf die Metropoliten jedes Bereichs; und universal für den Bischof von Rom als protos unter den Patriarchen. Diese Unterscheidung der Ebenen mindert nicht die sakramentale Gleichheit jedes Bischofs oder die Katholizität jeder Ortskirche“ (O-RK/19, Nr. 44: 844).
Um die im ökumenischen Dialog favorisierte communio-Ekklesiologie zu verwirklichen, müsste in der römisch-katholischen Kirche die Ebene einer regionalen Kirchenleitung gestärkt werden, sei es in der Form nationaler oder kontinentaler Bischofskonferenzen, sei es in noch zu entwickelnden Formen. Es geht nicht an, in den Dialogen die Bischofskonferenzen als Beweis für eine römisch-katholische Wertschätzung regionaler Strukturen anzuführen, während innerkatholisch zugegeben werden muss: „Es ist noch nicht deutlich genug eine Satzung der Bischofskonferenzen formuliert worden, die sie als Subjekte mit konkreten Kompetenzbereichen versteht, auch einschliesslich einer gewissen authentischen Lehrautorität“. Dieses letztere Zitat stammt nochmals von Papst Franziskus aus dem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium Nr. 32.

Die Bischöfe und ihre Ortskirchen
Offenkundig gewichtet die communio-Ekklesiologie das Leben der Kirche auf lokaler und regionaler Ebene in besonderer Weise. Damit hängt nun auch zusammen, dass die „primatiale“ Autorität an die jeweiligen Ortskirchen zurückgebunden wird. Konziliarität beschränkt sich nicht auf die gemeinsame Verantwortung der Bischöfe: „Der Begriff Konziliarität oder Synodalität kommt vom Wort ‚Konzil‘ (synodos im Griechischen, concilium im Lateinischen), das in erster Linie eine Versammlung von Bischöfen bezeichnet, die eine besondere Verantwortung ausüben. Es ist jedoch auch möglich, den Begriff in einem umfassenderen Sinn zu verstehen und auf alle Glieder der Kirche zu beziehen (vgl. den russischen Begriff sobornost’). Dementsprechend sprechen wir zuerst von Konziliarität in der Bedeutung, dass jedes Glied des Leibes Christi kraft der Taufe seinen Ort und eine eigene Verantwortung in der eucharistischen koinonia (communio im Lateinischen) hat. Konziliarität spiegelt das Bild des trinitarischen Geheimnisses wider und findet darin ihre letzte Grundlage“ (O-RK/19, Nr. 5: 835).
Vor diesem Hintergrund sind der Bischof in seiner Ortskirche und der Primas oder Patriarch einer Kirchenregion nicht unabhängig von ihren Ortskirchen zu verstehen, sondern deren Repräsentanten. Für das Konzil formuliert es der anglikanisch-orthodoxe Dialog: „Der Bischof ist nur Bischof im Kontext seiner eigenen Gemeinde, und wenn er an einem umfassenden Konzil teilnimmt, bringt er seine Gemeinde mit sich“ (A-O/6, Nr. 166: 242). Umgekehrt können konziliare Entscheidungen nicht ohne die Zustimmung der jeweiligen Ortskirchen auskommen: „Solche Entscheidungen müssen von der Gemeinschaft angenommen werden, um Autorität zu erlangen. Diese Tatsache bestätigt die Wahrheit, dass Bischöfe, einschliesslich Kirchenoberhäupter, nicht unabhängig von ihren Ortskirchen sind“ (A-O/6, Nr. 169: 243).
Die bereits thematisierte Bitte, sich um das „richtige Gleichgewicht zwischen dem Primat und der Konziliarität“ zu bemühen, wird darum ergänzt durch das Augenmerk auf der Synodalität der Kirche: Es gilt „die Rolle der Laien in synodalen Strukturen zu wahren. Sowohl Anglikaner als auch Orthodoxe unterstreichen die Bedeutung des Ortsbischofs mit seiner Gemeinde als primären Ausdruck des kirchlichen Lebens. Jede Form des Primats muss das in Betracht ziehen“ (A-O/6, Nr. 166: 242f).
Vor diesem Hintergrund bringt der anglikanisch-orthodoxe Dialog die Offenheit für einen universalen Primat zum Ausdruck, der aber auf der Linie der alten Kirche nicht personal an den Papst, sondern an die Kirche von Rom gebunden verstanden wird: „Der Primat sollte nicht als Vorrecht eines Individuums, sondern einer Ortskirche verstanden werden. Im Falle des universalen Primats würde dies den Primat der Kirche von Rom bedeuten“ (A-O/6 Nr. 167: 243).

Ausblick
Es genügt nicht, das Defizit hinsichtlich des universalen Einheitsdienstes bei anderen Kirchen zu beklagen. Vielmehr muss die römisch-katholische Kirche sich selbst fragen, ob sie diesen Einheitsdienst so ausgeprägt hat, dass er in dieser Gestalt den anderen Kirchen verschlossen bleibt. Bemerkenswert ist eine Aussage aus dem lutherisch/römisch-katholischen Dialog in den USA von 1974, demzufolge die Kirche(n) die überkommenen Zeichen der Einheit nutzen soll(en), „da neue Zeichen nicht einfach erfunden werden können“ (Nr. 28; zitiert bei Neumann, Papstamt 92). Das überkommene Zeichen des Petrusdienstes ist bei der römisch-katholischen Kirche verblieben. Es gehört ihr aber nicht schlechthin – sie sollte es so pflegen, dass es allmählich wieder als wünschenswerter Einheitsdienst für alle Christen in den Blick kommen kann.
Auf die Agenda einer binnenkatholischen Erneuerung gehört somit eine Erneuerung der communio-Struktur der Kirche. Dazu gehört, die lokale Ebene der Ortskirchen zu stärken und vor allem die regionale Zwischenebene der Bischofskonferenzen theologisch und praktisch weiterzuentwickeln, den Primat innerhalb einer kollegialen Verfasstheit des Bischofsamtes zu verstehen und im Rahmen synodaler Strukturen die Verantwortung aller Glieder der Kirche besser zum Ausdruck zu bringen.

Literatur:
Neumann, Burkhard: Das Papstamt in den offiziellen ökumenischen Dialogen. In: Cath(M) 50 (1996) 87-120.

27.03.2014


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