Theologische Hochschule Chur

Internet-Zeitschrift

Die Mit-Freude Gottes   

Von Eva-Maria Faber


„Es war Gottes unerforschlicher Wille …“: Ein Satz, der so beginnt, scheint direkt auf die Mitteilung eines tragischen Unfalls zuzulaufen. Die Formulierung gehörte früher zum festen Repertoire von Todesanzeigen. Manche wird es getröstet haben, einen Unfall nicht als einen unerbittlichen, anonymen Schicksalsschlag ansehen zu müssen, sondern den verunfallten Menschen doch irgendwie noch in den Händen Gottes zu sehen. In der Regel aber werden sich Menschen schwer tun, hinter einer grausamen Krankheit oder einem plötzlichen Unfall den Willen Gottes erkennen zu sollen. Darum ist es gut, wenn Todesanzeigen und Begräbnispredigten mit diesen Formulierungen heute vorsichtiger geworden sind. Zugleich ist es sehr fragwürdig, warum kaum einmal eine Geburtsanzeige oder die Ankündigung einer Hochzeit mit den frohen Worten beginnen würde: „Es war Gottes unerforschlicher Wille …“! Will Gott nur das Dunkle, und nicht das Schöne?
Es ist erschreckend, dass der Wille Gottes auf diese Weise eher gefürchtet als geliebt wird. „Dein Wille geschehe“, diese Worte des Vaterunsers schmecken vielen Menschen bis heute oft wohl eher nach Ergebenheit und Sich-Fügen in etwas, das man selbst kaum wünschen und anstreben würde. Der Wille Gottes scheint fast unvermeidlich dem eigenen Willen entgegenzustehen. Wohl dem, der eine Nische findet, in der er dem Willen Gottes zumindest zeitweilig entgehen kann …
Was hier verloren ging, ist das Vertrauen, dass Gott uns Menschen Leben in Fülle (Joh 10,10) zugedacht hat. Er will nicht auf eine Einschränkung, sondern auf die Entfaltung von Leben hinaus. Zwar ist Gott nicht der Erfüllungsgehilfe jedes kleinen Wunsches, doch ebenso wenig ist er der prinzipielle Gegenspieler der Sehnsucht nach Wohlergehen, die er selbst in das menschliche Herz hineingelegt hat. Das menschliche Sehnen, Bitten und Streben findet im Willen Gottes nicht eine Grenze, sondern Unterstützung. Mehr noch: Die christliche Botschaft ermutigt zur kühnen Hoffnung auf eine Zukunft, die grösser ist als unsere Vorstellungen von Glück. Der Wille Gottes ist, wie es die vorausgehende Vaterunser-Bitte benennt, dass sein Reich kommt! Gemeint ist das Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, in dem Gott die Tränen trocknet und Leid und Tod ein Ende haben.
Wie steht es aber mit dem Willen Gottes angesichts der Schicksalsschläge menschlichen Lebens? Will Gott prinzipiell das Leben, aber manchmal dann doch auch den Tod und das Zerstörerische? Ist es dann doch Gottes unerforschlicher Wille, wenn jemand unvermittelt aus dem Leben gerissen wird und Kinder und Partner zurücklässt?
Um seine Zuhörer zu einem furchtlosen Bekenntnis zu ermutigen, wählt Jesus eine Bildrede, in der er von der Sorge Gottes für seine Geschöpfe spricht – bis hin zum Spatz. Aus der gängigen Übersetzung haben wir uns an die Aussage gewöhnt, dass kein Spatz zur Erde fällt „ohne den Willen eures Vaters“ (Mt 10,29). Es wäre aber eigenartig, wenn Jesus uns Vertrauen zu Gott zusprechen wollte, indem er gewissermassen den „Unfall“ oder Tod eines Vogels unmittelbar auf den Willen Gottes zurückführt. Im griechischen Text heisst es eigentlich: Kein Spatz fällt „ohne euren Vater“ zur Erde. Die Pointe ist nicht, dass alles nach dem Willen Gottes geschieht, sondern dass nichts geschieht, ohne dass Gott nicht begleitend dabei wäre. In den bittersten Widerfahrnissen lässt er niemanden allein!
Dasselbe gilt aber nun auch für das Schöne, das Menschen erleben dürfen. Wenn Glücksgefühle aufsteigen, die Lebensfreude explodiert, oder wenn stille Zufriedenheit eintritt und sich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit einstellt – auch dann ist Gott nahe! Der Gedanke, dass Gott Mit-Leid zeigt, mag vertrauter sein, als dass er sich mit-freut. Was aber würde mehr seinem Willen entsprechen, als dass hier und heute schon ein wenig von dem Glück aufleuchtet, das einmal endgültig werden soll.

Erstveröffentlichung: Konradsblatt [Wochenzeitung für das Erzbistum Freiburg i.Br.] 98 (2014) Heft 19, 19.

14.06.2014


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