Theologische Hochschule Chur

Internet-Zeitschrift

Brot und Spiele.
Theologisch-ethischer Zwischenruf zur laufenden Fussballweltmeisterschaft   

Von Hanspeter Schmitt


1) Römische Vorlage

Grundsätze aus der klassischen römischen Kaiserzeit prägen bekanntlich unsere westlichen Kulturen und wurden sogar zu geflügelten Worten: Rechtsnormen wie „Not kennt kein Gebot“, „im Zweifel für den Angeklagten“, „nicht zweimal in derselben Sache“ usw. Man vergesse aber auch andere – etwa machtpo-litische – Leitlinien nicht, die den Imperialismus damaliger Kaiser bestimmten: Dass sie beispielsweise benachbarte Völker militärisch unerbittlich unterwarfen, ihnen aber eine gewisse kulturelle und administ-rative Eigenständigkeit liessen, wenn sie sich politisch und wirtschaftlich willfährig verhielten. Analog duldete man bedeutende Riten unterworfener Kulturen, vorausgesetzt, der machtlogisch zentrale Kaiser-kult fand Anerkennung und wurde in der vorgeschriebenen Weise vollzogen. Hingegen stammt die Devi-se „divide et impera“ zwar aus der neuzeitlichen Politiktheorie Macchiavellis, bezeichnet aber exakt das einstige römische Kalkül zur konsequenten Unterwerfung der kulturell und politisch Anderen.
Wie eine Sozialcharta wirkt da auf den ersten Blick das in der Epoche des Kaisers Trajan erstmals formu-lierte Diktum „panem et circenses – Brot und Spiele“. Trajan regierte das römische Imperium von 98-117 nach Christus und arbeitete konsequent an seiner äusseren Expansion. Nach innen hin wollte er aber be-friedend wirken und tat dies – wie seine Vorgänger – auf zweifache Weise: Er gab den Menschen seines Machtbereiches sowohl Brot und als auch Unterhaltung. Strategisch blauäugige Kommentatoren sehen darin eine Form staatlich geleisteter Grundfürsorge, die bereit ist, zumindest das einfache leibliche Wohl wie Formen kultureller Beteiligung unentgeltlich sicherzustellen. Anders urteilt darüber bereits Juvenal, ein politisch äusserst wachsamer Literat aus der Zeit Trajans. Er hatte für die vermeintlichen Wohltaten der Kaiser nur Satire und scharfe Kritik übrig, weil er ihr Spiel durchschaute: Das Motiv dieser „Sozial-politik“ war nicht, die Lebensgrundlagen und Entfaltung der Kulturen zu schützen. Vielmehr ging es da-rum, die Massen bei ihren Grundbedürfnissen zu packen, sie durch gönnerisches Gehabe abhängig zu hal-ten und zugleich politisch „einzulullen“. In diesem Klima kam Machtkritik kaum auf bzw. fand keine Resonanz: das Volk war entpolitisiert, lenkbar und bereit, seine republikanisch vorgesehenen Mitgestal-tungschancen an die gegenwärtigen Machthaber und künftigen Despoten abzutreten.
So gesehen war das Brot der römischen Herrscher weder ein wirklich unterhaltsames noch soziales, son-dern ein verlogenes Brot, weil sie damit ihr Volk gezielt täuschten. Sie waren nicht auf sein Wohl be-dacht, sondern auf puren Machterhalt und die geschickte Durchsetzung ihrer eigenen Interessen. Dass auch dieses Prinzip – nicht nur hehre römische Rechtsgrundsätze – in der westlichen Entwicklung poli-tisch, aber auch institutionell und ideel, Schule machten, lässt sich bei eingehender Analyse bis auf den heutigen Tag beobachten.

2) Aktuelles Spiel

Auch bei der zur Zeit in Brasilien laufenden Fussballweltmeisterschaft werden – medial inszeniert, global adressiert – Brot und Spiele angeboten. Wochenlang darf man diesen Spielen beiwohnen, nimmt Anteil an ihren Event- und Spannungspotentialen, durchlebt miteinander Wohl und Wehe, Siege und Niederlagen inklusive der entsprechenden Riten, Gesänge und nationalen Euphorien. Die offizielle Botschaft der Verantwortlichen des Weltfussballverbandes (FIFA), die von der Politikerklasse weltweit gedeckt wird, ähnelt bis in die pseudopazifistischen Untertöne jener Täuschungspropaganda der alten römischen Poten-taten: Alle würden kulturell, sozial und wirtschaftlich profitieren! Es ginge zwar um Sport, aber ebenso um die gesellschaftliche und entwicklungsorientierte Förderung insbesondere des jeweiligen Gastgeber-landes und nicht zuletzt um einen Weg internationaler wie transkultureller Befriedung.
Die Verlogenheit und Ideologie dieser Rede ist spätestens seit den letzten vergleichbaren Ereignissen in der Ukraine und in Südafrika deutlich: Die dort aufwendig errichteten bzw. umgebauten Fussballarenen waren und sind bis dato für das „gemeine Volk“ unerreichbar; sie ragen heute wie luxuriöse Tempelruinen ins Land und bezeugen stumm das fatale imperiale Geschehen. Während jedoch damals das Unver-ständnis und die Proteste der Einheimischen nur geringen Nachhall fanden, gestaltete sich in Brasilien bereits das Vorfeld politisch entschieden widerständiger. Wieder sind es die mittel- wie unterprivilegier-ten Schichten, die gegen die globale Show opponieren, die ihnen von den Mächtigen aufgezwungen wird.
Dabei lieben die Brasilianer den Fussball über die Massen, identifizieren sich mit diesem Spiel und seinen Exponenten und projizieren ihre teils unerfüllten persönlichen wie nationalen Träume, erleben jetzt aber auf heimischem Boden, dass der Ball an ihnen vorbeiläuft. Die Folge muss eine kollektive Hassliebe dem laufenden Geschehen gegenüber sein: Einerseits hoffen sie leidenschaftlich auf den WM-Sieg ihrer Se-leção, fühlen sich aber zugleich verraten und zu einem vehementen Sturm gegen das Turnier provoziert, weil es dazu beiträgt, die strukturellen und politischen Missstände des Landes zu verschleiern und zu ver-stärken. Das anhaltende Aufbegehren des Volkes, die Heftigkeit der Demonstrationen und Regierungskri-tik, aber auch die bittere Selbstironie zwischen den Zeilen, zeigt, wie gekränkt die brasilianische Seele ist.
Bekannt sind die Ursachen und die dafür verantwortlichen Macher der FIFA: sie bringen weder der Welt noch dem Gastgeberland friedensstiftende, ihrer sozialen Entwicklung dienende Spiele, sondern sichern sich milliardenschwere Einnahmen durch deren globalisierten Verkauf an Medien, Politik und Vereine. Jene wiederum amortisieren ihre Investitionen gewinnbringend über Tickets, Werbung, Gebühren und Steuern – sprich auf Kosten und zu Lasten des Volkes. Allerdings machen sich die betroffenen Menschen keine Illusionen mehr darüber, dass sie durch diese Taktik ins Abseits gebracht sind. Im perfekten Glanz der ihnen aufgenötigten, sie zugleich ausgrenzenden, dennoch geliebten Inszenierung steht ihnen ihre bizarre Notlage umso sinnfälliger vor Augen: Bildungsarmut, mangelnde Infrastruktur in allen Bereichen, wirtschaftliche Aussichtslosigkeit breiter Schichten, daraus resultierend drohende Gewalt, die Macht der Drogenmafia, das Schicksal der Strassenkinder, der Millionen Menschen in den Favelas und der bis nach Europa gehandelten und prostituierten Kinder und Frauen. Doch die Polizei Brasiliens knüppelt die Em-pörung des Volkes nieder, bestellte Gewaltkommandos lassen Strassenkinder zugunsten einer störungs-freien WM-Optik verschwinden. Zeitgleich feilschen FIFA-Bosse um die Pfründe der für 2022 per Kor-ruption an Katar vergebenen Spiele. So offenbart sich die perverse Funktionalität des gesamten Systems!
Es lässt sich daher mit Blick auf „Brot und Spiele“ festhalten, dass die römisch-kaiserliche Verlogenheit dieses Diktums im heutigen organisierten Weltfussball um ein Vielfaches gesteigert ist: Die Kaiser legten darauf wert, dass Brot und Spiele, mit denen sie die Macht- und Mittellosen befriedigten und politisch täuschten, frei und ungeteilt zugänglich waren. Die aktuelle Version beutet die Armen zusätzlich aus. Nicht Brot und Chancen für alle, sondern mediale Unterhaltung, inszeniert von einem Kartell aus Politi-kern und Funktionären, die in erster Linie an sich interessiert sind. Nicht Wohlfahrt und Entwicklung der betroffenen Länder, sondern Nutzung ihrer Räume und Ressourcen für die eigenen profitablen Zwecke. Angesichts solcher Strukturen und Strategien, Kämpfe und Leiden wären Scham und Reue, nicht blinde globale Fussballeuphorie, am Platz. Um eine solche Umkehr ermöglichen, müsste sich der westliche Focus ernst- und dauerhaft vom sonnigen Strand der Copacabana lösen, um sich auf die nahe gelegenen Favelas und die dort Lebenden zu richten. Zu einer Wende im Spiel wird es erst kommen, wenn wir diese Menschen neu wahrnehmen und von ihnen erfahren, welches Brot für sie und vor Ort von Nöten wäre.

3) Jesuanischer Anstoss

Das historische Leben Jesu wie seine theologische Deutung gehören in diesen Zusammenhang. Dass seine Gegner ihn als „Fresser, Säufer, Freund der Zöllner und Sünder“ (vgl. Mt 11,19) diffamierten, zeigt nur, wie menschennah, vital und verbunden dieser Prophet aus Nazaret den lebensweltlichen Erfahrungen und menschlichen Vollzügen war. Schöpfungsliebe, Freude am Dasein und Feiern, sinnliche Lust und die direkte kommunikative Begegnung gehörten in das heilige Spiel seines Lebens, genauso wie innere Ein-kehr, Sendungsbewusstsein, politische Rede, zeichenhaftes Handeln, Riten und Gebet. Dieser Lebensstil hielt ihn nicht ab, sondern führte ihre gerade dahin, die Lage des alltäglichen Brotes seiner Zeitgenossen in den Blick zu bekommen und sozialkritisch anzusprechen. Das sollte jenen zu denken geben, die mit Jesus vor allem eine seelenspirituelle, der Welt enthobene Nahrung verbinden wollen. Ihre Tendenz reali-tätsblinder Verharmlosung ist theologisch nicht begründbar, sondern klar zu monieren, weil sie die Bot-schaft und Praxis des Nazareners nicht trifft. Sie tönt freilich bereits innerbiblisch an, wenn Matthäus von „Armen im Geiste“ (Mt 5,3) spricht und ihnen das „Himmelreich“ in Aussicht stellt. Dabei meint Jesus im Originalton (vgl. Lk 6,20 / Q) politisch Geknechtete bzw. sozial Depravierte und sagt ihnen strukturelle Befreiung wie innere Stärkung durch das heilvolle Eingreifen und die Parteinahme Gottes zu.
An diesen wie anderen einschlägigen Stellen zeigt sich, dass Jesus gegen das Faktum des ungerechten, weil den Armen vorenthaltenen Brotes und seine gesellschaftlichen Bedingungen offen opponiert, folge-richtig auch gegen überbordenden Reichtum und die Herrschaftssymbolik der dafür verantwortlichen Potentaten einschliesslich ihrer Hierarchien. Zugleich aber relativiert er das verstehbare Streben nach Brot, totaler Versorgung und materieller Sicherheit. Denn dies kann blind, träge und so satt machen, dass der Hunger nach Gottes Gerechtigkeit stirbt. Gemeint ist jene „grössere Gerechtigkeit“ (Mt 5,20), die in alle Welt zu tragen wäre, niemanden ausschliesst, jeden nach seinen Möglichkeiten beansprucht und vor allem Fremde und Marginalisierte nicht vergisst. Sie bekämpft tödliche Strukturen, führt zur globalen wie per-sonalen Auferstehung wahren Lebens – und all das wird möglich durch die Güte und Liebe Gottes, kraft des Glaubens, in fester Hoffnung auf Schöpfungsfrieden und vollendetes Glück.
Wie keinem anderen war Jesus von Nazaret das göttliche Spiel des grenzübergreifend verschenkten, zu-tiefst ehrlichen und zugleich gerechten Brotes zu eigen. Er war derart eins mit der Form und dem Geist dieses Brotes, dass es durch seine Botschaft und Praxis authentisch kommuniziert und weitergetragen wurde, unter die Leute kam, nie ausging, sondern sich vermehrte. Es ist daher kein Zufall, dass die Evan-gelien just die Brotvermehrung als signifikante Handlung Jesu deuten. Für sie zeigt sich darin, dass er der Mittler göttlicher Zuwendung schlechthin ist: indem er die Frohbotschaft der Umkehr und Befreiung ver-kündet, auf diesem Weg den existentiellen wie materiellen Hunger erkennt und in überfliessendem Mass stillt. So nimmt er die Verheissungen und Hoffnungen des ersten Bundes auf und erfüllt sie auf eine Wei-se, die den ganzheitlichen und weltumspannenden Schalom Gottes nahe bringt (vgl. Lk 9,10-17 par).

4) Eucharistisches Finale

Wie sehr dieses als Wahrheit und Gerechtigkeit, als umfassende Heilung und heilvolle Grenzüberschrei-tung verstandene und gelebte Brot das Selbstverständnis Jesus berührt, zeigt sein Abschiedsmahl (vgl. Mk 14,22ff par). Jesus spricht von der realsymbolischen Identität des nun rituell geteilten Brotes mit seiner Praxis, seiner Botschaft und seinem Schicksal. Durch den Befreiungskontext des jüdischen Paschamahls ist deutlich, dass Theologien und Homilien, die diesen Akt geschichts- und kontextlos – im Sinne einseitiger Opfer- oder Sühnetheorien – interpretieren, fehl gehen. Vielmehr wird nach Auskunft der Evangelien und der besten kirchlichen Traditionen in der Eucharistie gegenwärtig und gefeiert, dass das Befreiungshandeln Jesu, das allen Brot und Hoffnung bringen wollte und für das er von den Machthabern seiner Zeit verfolgt und getötet wurde, göttliches Handeln ist: ein Handeln, das an uns geschieht, durch das alles lebt, das niemals vergeht. An dieses befreiende Handeln erinnern Christen wie Kirchen sich selbst, ihre Zeitgenossen und die ganze Welt. Das geschieht im Ernst des Lebens wie im Spiel der Litur-gie. Es geschieht, wenn hier wie dort die befreiende Botschaft erzählt und ein ihr entsprechendes – ein gerechtes, ehrliches und entgrenzendes – Brot empfangen, geteilt und gefeiert wird.
Versteht man „Brot und Spiele“ in dieser Perspektive, bleiben sie dem göttlichen Anstoss und Zuspiel in Jesus Christus treu und werden zur Gabe wie zur Herausforderung für alle: Denn alle sind eingeladen – Sünder wie Fromme, besonders Mühselige und Beladene (vgl. Mt 11,28) – zu kommen und zu kommuni-zieren, um sich von diesem Brot stärken, von seiner Gemeinschaft bereichern, von seiner Form prägen zu lassen. Das ehrliche Teilen und Feiern soll alle erreichen, will tragender Teil ihres Daseins und ihrer Ge-meinschaften werden. Dafür bedarf es freilich der beherzten Umkehr aller, selbstredend auch der Kirchen: vor Ort wie in den Zentralen ihrer Macht.
Bezogen auf das laufende Turnier: In der Kraft und Wahrheit des eucharistischen Brotes geht es darum, die an sich schöne berauschende Lust an Wettkampf und Spiel nicht besinnungslos, unkritisch und inhu-man zu leben. Vielmehr zeigt sich die Notwendigkeit, den von Sportakteuren oft zitierten „guten Charak-ter“ jetzt zu beweisen: aber eben nicht nur als unreflektiertes Durchhaltevermögen oder rein sportliches Fairplay, sondern als widerständig angelegte nationale wie globale Solidarität und Umkehr. Der Gott und Geist Jesu bringt sich dabei auf allen Positionen ins Spiel – als einer, der unser diesbezügliches Sorgen und Mühen kennt und aufrichtet, vorantreibt und begleitet.

5) Beschliessende Hymne

JESUS – Träumer, Prophet, Bote des neuen göttlichen Lebens.
Dein WORT klingt noch in unseren Ohren, klingt nach und hört nicht auf,
die Herzen der Menschen zu rühren.

JESUS – Bruder, Gefährte mit der Kraft zu lieben, die Menschen zu heilen.
Dein BROT schmeckt noch auf unseren Lippen, schmeckt und stillt den Hunger
auf weitem steinigem Weg.

WORT UND BROT – mehr haben wir nicht.
Sie sind wie die Spur, die uns lockt, ihm zu folgen.

WORT UND BROT – mehr brauchen wir nicht.
Sie werden uns stärken, um Zeugen zu sein für ihn.

WORT UND BROT – mehr wollen wir nicht.
Dies zu feiern, davon zu leben, sind wir unterwegs. WIE ER …

Erstveröffentlichung in: Schweizerische Kirchenzeitung 182 (2014) 404-406.

04.07.2014


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