Theologische Hochschule Chur

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Identität als theologische Grundoption   

Von Christian Cebulj

Zu: Viera Pirker: fluide und fragil. Identität als Grundoption zeitsensibler Pastoraltheologie. Ostfildern: Verlag Matthias Grünewald 2012 (Reihe Zeitzeichen 31).
459 S. / CHF 51.90; € 39.00 (D); 40.10 (A) / ISBN 978-3-7867-2975-4


Der Identitätsbegriff hat seit langem sowohl in der Alltagssprache als auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften Hochkonjunktur: Mit der anthropologischen Grundfrage „Wer bin ich?“ denken Menschen spätestens seit Beginn der neuzeitlichen Philosophiegeschichte über die Bedingungen des Menschseins nach und stellen damit die Frage nach der eigenen Identität. Für die gegenwärtige Theologie stellt sich das Problem, dass der Identitätsbegriff gerade in den praktisch-theologischen Disziplinen Religionspädagogik und Pastoraltheologie beinahe inflationär verwendet wird. Dem hält die hier zu besprechende Dissertation der Frankfurter Pastoraltheologin Viera Pirker die Diagnose entgegen, der Identitätsbegriff würde von der Theologie in seiner Reichweite überschätzt.

In ihrer flüssig lesbaren und spannend akzentuierten Untersuchung systematisiert die Autorin Konzeptionen und Metaphern zur Identitätsfrage, die seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in Psychologie, Soziologie und Kulturwissenschaften diskutiert werden. Dabei nimmt sie die wichtige Unterscheidung zwischen theologischen und psychologischen Annäherungen vor und entwickelt daraus ein für das interdisziplinäre Gespräch tragfähiges Konzept des Identitätsbegriffs.

Im relativ kurzen ersten Kapitel (11-56) unternimmt die Autorin eine philosophische und zeitdiagnostische tour d’horizon, die in ihrer konzentrierten Lesart besticht. Darin analysiert sie die ungebrochen diskursive Schlüsselkraft, die dem ‚Modewort‘ Identität seit einer Einführung durch Erikson bis in die Gegenwart zugetraut wird. Sie stellt fest, dass für die Beschreibung von Prozessen der Subjektkonstruktion, für das Ineinander von Individuum und Gesellschaft, für Gruppenbildung und Rollenzuschreibung, aber auch für Geschlecht, Nation und Religion der Identitätsbegriff weiterhin vielfältige Perspektiven bündelt. Gleichzeitig kritisiert sie, dass der Umgang mit Identität bei aller Aktualität scheinbarer Beliebigkeit ausgesetzt ist. Zu Recht wird bemerkt, dass der Identitätsbegriff auch in der praktisch-theologischen Literatur oft zu wenig auf seine Bedeutung hinterfragt und unreflektiert verwendet wird.

Das umfangreichere zweite Kapitel (57-248) untersucht Identitätstheorien als Thema der Soziologie, sowie der theoretisch und empirisch arbeitenden Psychologie. Nach einer Einführung in die Grundlagen und Entwicklungen des Fachs stellt sie u.a. die Theorien von Erik Erikson, George H. Mead, Lothar Krappmann, Heiner Keupp und Jean-Claude Kaufmann vor. Gewissermassen als Essenz und eigenen Beitrag zur Debatte bietet die Autorin in einer Grafik ein integriertes Modell von Identität, das verschiedene psychologische Perspektiven zu verbinden versucht (244). So eindrucksvoll diese Übersicht ist, so zutreffend ist gleichzeitig die Einschränkung, die die Autorin selbst hinzufügt: Identität ist zwar ein entfaltetes Konzept, entzieht sich aber immer auch der Definition und Festlegung und ist je neu weiter zu entfalten (246). Der normativen Gefahr, Identität „in den Griff“ bekommen zu wollen, hatte die Autorin schon zu Beginn der Arbeit ihre Rhizom-Theorie gegenübergestellt: Die von Deleuze/Guattari aus einer botanischen Metapher entwickelte Theorie stellt dem hierarchisch angelegten Baum- und Wurzelwerk das nicht planbare Wuchern verschiedener Wurzelstränge gegenüber. Überträgt man diese Metapher auf die hermeneutische Erkenntnisgewinnung z.B. in der Identitätsdebatte, dann will das rhizomatische Modell durch die „Verkettung von Strömen“ die vielfältigsten Begründungsstränge miteinander in Verbindung bringen, ohne immer von kausalen Zusammenhängen abhängig zu sein. Wenn die Autorin allerdings schreibt, Identität sei „rhizomorph“, sie verweigere sich also äusserer Betrachtung (54), dann ist die kritische Frage zu stellen, ob nicht gerade hier die hermeneutischen Valenz dieser Metapher an ihre Grenze kommt.

Im weiteren Gang des zweiten Kapitels wird der Identitätsbegriff kenntnisreich mit psychotherapeutischen und –diagnostischen Perspektiven verknüpft (z.B. Winnicott, Lacan, Rogers, Moreno). Die bündelnden Thesen dokumentieren eine sehr heterogene Verwendung des Identitätsbegriff in der Psychologie und resumieren, dass Identität, entgegen oder aufgrund aller theoretischen Durchdringungen, letztlich nur im Vollzug existiert, also als Praxis von Identität (248).

Kapitel 3 (249-320) leistet den Brückenschlag in die Pastoralpsychologie. Dazu verlässt die Untersuchung den thematischen Duktus der Arbeit, um eine historische und wissenschaftstheoretische Verortung der Pastoralpsychologie vorzunehmen.

Der Identitätsfaden wird in Kap. 4 (321-420) wieder aufgenommen und ist hier von der Frage geleitet, wie ein zeitsensibles und subjektorientiertes Verständnis vom Menschen, vermittelt durch die Identitätsdiskurse, praktisch-theologisch fruchtbar werden kann. Dabei wird zunächst ein theologisch-anthropologisches Fundament gelegt. Darauf gründet die Autorin die exemplarische Untersuchung von drei Varianten, wie Identität in praktisch-theologischen Ansätzen gedacht und genutzt werden kann. Dies führt zur Konzeption eines Identitätsverständnisses, das gleichermassen psychologisch wie theologisch verantwortet ist. Als Essenz wendet sich der Blick schliesslich auf eine handlungsorientierte Reflexion, die Identität als Grundoption zeitsensibler Pastoralpsychologie ernst nimmt und praktisch wendet.

Als Religionspädagoge finde ich an der Lektüre des vorliegenden Bands besonders anregend, dass Viera Pirker via Identitätsdebatte verschiedenste Brücken zwischen den praktisch-theologischen Disziplinen schlägt: Wenn sie etwa im Schlusswort empfiehlt, eine zeitsensible, identitätstheoretisch fundierte Pastoralpsychologie müsse Menschen besonders in den drei Bereichen der Reflexivität, der Differenzbefähigung und der solidarischen Begegnung in Compassion begleiten, dann sind darin auch wichtige religionspädagogische Impulse für Grundlagendebatten etwa um die Subjektorientierung enthalten. Die Arbeit macht auch deutlich, dass Religionsunterricht und Katechese an der Leitidee der „Identitätsbildung“ nur dann festhalten können, wenn sie im Sinne einer „Identität als Praxis“ explizit die Bedingungen dafür bereitstellen, dass dieser Anspruch praktisch eingelöst werden kann. Es ist dabei immer zu berücksichtigen, dass religiöse Identitätsbildung zum Bereich des aus prinzipiellen Gründen pädagogisch nicht Verfügbaren gehört. Religionsunterricht und Katechese können (und müssen) Identitätsbildung zwar begleiten, jedoch immer ohne über die sich bildende Identität verfügen zu wollen.

Die gut lesbare und höchst interessante Untersuchung bestätigt auf eindrucksvolle Weise, dass gegenüber der selbstverständlichen Art und Weise, wie im Alltagswortschatz von Identität gesprochen wird, immer auch Vorsicht geboten ist, soll sie nicht zur „Zuckerwatte“ (Erving Goffman) werden, deren Süssigkeit „fluide und fragil“ ist, denn sie zerrinnt viel zu schnell zwischen den Fingern.

14.02.2014


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