Theologische Hochschule Chur

Internet-Zeitschrift

Selbstbestimmung als Argument für Tötung in Krise und Krankheit   

Von Hanspeter Schmitt

Zur Zeit werden in allen deutschsprachigen Ländern Debatten um die gesetzliche Zulassung bestimmter Tötungshandlungen am Lebensende (aktive Sterbehilfe, organisierte Suizidassistenz) geführt (1). Oder es geht um die Ausweitung bestehender Regelungen, so etwa die Erlaubnis der Suizidhilfe für alle Sterbewilligen, die nun ausdrücklich auf der Agenda der schweizerischen Organisation EXIT steht und dabei insbesondere auf die professionelle Begleitung des sogenannten „Altersfreitodes“ (2) zielt. Aufhorchen lässt bezüglich dieser Ausweitungsbestrebungen besonders die jüngste belgische Gesetzesänderung, welche die Suizidassistenz unter bestimmten Bedingungen nun auch für Kinder und Jugendliche ermöglicht (3).
In diesen wie früheren einschlägigen Diskursen geniesst das Argument der Selbstbestimmung hohen Stellenwert. Das kommt nicht von ungefähr, gehört es doch zum Wesen eines auf der Basis von Freiheit verfassten und auf demokratisches Handeln zielenden Staates, seinen Bürgerinnen und Bürgern jene Entfaltungsmöglichkeit zu gewähren, die ihnen kraft ihrer Würde als rational entscheidende, auf ihre eigene Integrität bedachte Personen zukommt. Dabei haben sie sich selbstredend an die geltenden Grundrechte und Gesetze zu halten, da auch diese in freien, demokratisch geregelten Prozessen erörtert, vereinbart und so politisch legitimiert worden sind.
Daran erkennt man aber bereits, was in Sachen Suizid- und Sterbehilfe oft übersehen oder abgestritten wird: Menschenrechtlich orientierte Verfassungen sehen die bedingte Einschränkung der konkreten Selbstbestimmung einzelner Personen durchaus vor! Eine solche Einschränkung geschieht natürlich nicht beliebig oder durch Akte der Willkür bzw. einseitiger Einflussnahme, sondern – ebenfalls politisch legitimiert – aus ausdrücklich humanen Gründen: wenn etwa angesichts von ungleichen Chancen, materieller Not, Gewaltakten oder einseitig vorangetriebenen Interessen die Entfaltung menschliches Leben in wesentlichen Vollzügen behindert oder Menschsein als solches gefährdet erscheint. Zu diesem politisch gedeckten, einschränkenden Handeln zählt auch, notfalls die Freiheitsrechte Dritter vor einer ungebührlichen Freiheitsausübung einzelner zu schützen (4).
Wenn man diesen verfassungsrechtlichen Standard mit der Rede über Selbstbestimmung etwa bei den Suizidhilfeorganisationen und oder bei manchen Befürwortern der Tötung auf Verlangen vergleicht, sticht die Einseitigkeit ihrer Interpretation sofort ins Auge: Es geht ihnen um Freiheit allein aus der Perspektive der zum eigenen Tod entschlossenen Menschen.
Gewiss muss man die massiv empfundene Belastung und Aussichtslosigkeit verstehen, die sich hinter diesem Plädoyer für uneingeschränkte Selbstbestimmung am Lebensende in der Regel verbirgt. Die persönliche wie allgemeine Last und Provokation, die dem Sterben innewohnt, wird besonders im Umfeld medizinischen Agierens mehr denn je erlebt (5). Aber ist das Grund genug, mögliche Konsequenzen für die Selbstverwirklichung Anderer und Künftiger nicht mehr in die Waagschale dieser Diskussionen zu legen? Gibt es hier wirklich nur die Perspektive des eigenen Willens und keine Chance auf eine mehrperspektivische Betrachtung, die bemüht wäre, allen beteiligten Interessen wie auch den bestehenden Konflikten in ihrer vollen Tragweite gerecht zu werden? Ist es in einer persönlich wie kulturell derart bedeutsamen Frage nicht geradezu eine soziale wie sittliche Notwendigkeit, nach einem in jeder Hinsicht und für alle tragfähigen Gestaltungsweg zu suchen?
Besonders irritierend wirkt in diesem Zusammenhang der stereotype Bezug auf moderne Aufklärungs- und Freiheitsphilosophien. Descartes, Kant oder Hegel werden zu Zeugen einer als autark und egologisch verstandenen Handlungsführung. Das aber ist schlicht falsch! (6) Gerade diese nachhaltig prägenden Denker meinen mit Autonomie als Freiheit an keiner Stelle die blosse und direkte Durchsetzung des eigenen Willens, auch nicht in schwierigster Lage. Mit ihr bezeichnen sie vielmehr die Chance zur humanen Verantwortung, das meint den Weg einer mündig und rational getroffenen, daher persönlich respektablen Entscheidung für das Gute. Für sie gilt es daher anthropologisch wie praktisch und politisch als geboten, dass sich der eigene Freiheitsvollzug stets auch am Wohl der Anderen und Künftigen zu messen und zu relativieren hat.
Ob damit am Lebensende erbetene Tötungshandlungen schon als obsolet oder moralisch illegitim zu werten sind, bedarf weiterer Überlegungen, die hier am Beispiel der Suizidbeihilfe in persönlich geleisteter oder organisierter Form zumindest kurz angedeutet werden sollen (7): Zweifelsohne fällt in der diesbezüglichen Argumentation der Wille der betroffenen Personen schwer ins Gewicht. Aber eben nicht nur! Zunächst muss – auch bei der persönlichen Suizidhilfe! – ganz sicher sein, dass diese Freiheit und Entscheidung als stabile, hinreichend rationale Selbstaussage überhaupt besteht. Dann geht es um die gesetzlich bereits festgeschriebene Uneigennützigkeit jener Personen, die die Selbsttötung gleichwie unterstützen wollen. Zudem bleibt abzuwägen, ob nicht das ärztliche und pflegerische Handeln über die Massen in Misskredit gebracht wird, wenn man sich darin mit diversen Tötungshandlungen arrangiert.
Noch einschneidender sind die Bedenken gegen Suizidhilfe als gesetzlich geregeltes, organisiert angebotenes Verfahren. Es untergräbt – wegen seines öffentlichen Charakters – wohl oder übel den Grundsinn humaner Kultur, lebensförderlich zu wirken: 1.) weil damit der Suizid gegenüber anderen Gestaltungsmöglichkeiten als „gleich-gültige“ (8) Alternative kommuniziert wird, 2.) weil die Öffentlichkeit und Routine dieses Angebotes den subtilen Druck erzeugt, es auch zu nutzen, 3.) weil aufs Ganze gesehen der politische Wille geschwächt wird, für entlastende Formen humaner Sterbebegleitung umfassend zu sorgen. Der Preis dieser freiheitlich anmutenden Lösung wird folglich mit der Freiheit zunächst nicht betroffener Dritter bezahlt.
Natürlich sollte man – bei aller ethischen Klarsicht – nicht blauäugig sein. Die Tendenz der in Umfragen erhobenen Meinungen weist mehrheitlich in die Richtung einer Liberalisierung der einschlägigen Gesetzeslagen, wobei bekanntlich die suggestive Wirkung bestimmter Fragen – gerade auf nicht unmittelbar Betroffene – oftmals das politische Ziel solcher Befragungen ist und es eben nicht um ein möglichst valides, den vorhandenen Haltungen entsprechendes umfassendes Meinungsbild geht (9). Nicht zuletzt deshalb wird man darauf achten müssen, dass angesichts der massiven rechtspolitischen Werbung für noch mehr „Autonomie“ als Selbstdurchsetzung nicht genau jene Freiheit gänzlich unter die Räder kommt, die auch die Interessen anderer im Blick hat und eine humane Zukunft für alle anstrebt. Schwächesituationen wie Krisen, Krankheit und Sterben systematisch aus dem Leben zu entfernen, ist der Anfang aller Unfreiheit. Wahrhaft befreiend kann daher nur die würdevolle, in jeder Hinsicht tragende Begleitung und Annahme Schwerkranker und Sterbender sein! (10)
Ein letzter Hinweis in Sachen Theologie: Bewusst wurde in der hier vorgelegten Reflexion auf eine dezidiert christliche bzw. religions- oder glaubensrelevante Korrespondenz verzichtet, sondern ausschliesslich philosophisch-ethisch argumentiert. Damit müsste deutlich sein, dass diese Überlegung keine christliche Sondermoral darstellt, die – wie nicht nur seitens der Suizidhilfeorganisationen polemisch behauptet wird – allgemein nicht begründbar oder nicht zu vermitteln sei. Es sollte aber umgekehrt gleichfalls einleuchten und gesellschaftspolitisch positiv vermerkt werden, dass die Quellen und Sozialformen des christlichen Glaubens – auch wenn sie nicht primär dazu da sind – normative Fragen zu entscheiden, die Würde menschlichen Lebens uneingeschränkt kommunizieren. Sie stehen ein für eine umfassend solidarische Praxis des in Krise, Krankheit, Pflege und Sterben anerkannten wie geschützten Lebens und können sich dafür auf biblische und kirchliche Traditionen, aber auch auf das aufgeklärte humane Freiheitsdenken beziehen (11).

(1) Vgl. für Österreich: www.kipa-apic.ch/k255849 [letzter Zugriff: 06.07.2014]. Für Deutschland: www.kipa-apic.ch/k251178 [letzter Zugriff: 06.07.2014].
(2) www.exit.ch/startseite [letzter Zugriff: 06.07.2014]. Vgl. jüngst für eine innerkirchliche Diskussion: www.kipa-apic.ch/index.php?&pw=&na=0,0,0,0,d&ki=256421 [letzter Zugriff: 06.07.2014].
(3) www.kipa-apic.ch/k251724 [letzter Zugriff: 06.07.2014].
(4) Vgl. Rüdiger Safranski, Das Böse oder Das Drama der Freiheit, Frankfurt a.M. 2011. Publizistisch: Ders., Einige Unter-scheidungen zum Thema „Freiheit“, in: www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur_und_kunst/einige-unterscheidungen-zum-thema-freiheit-1.8945188 [letzter Zugriff: 06.07.2014]. Umfassend: Ernst-Wolfgang Böckenförde, Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte, Frankfurt a.M. 1991.
(5) Vgl. exemplarisch: Adrian Holderegger (Hg.), Das medizinisch assistierte Sterben. Zur Sterbehilfe aus medizinischer, ethi-scher, juristischer und theologischer Sicht, Fribourg 1999; Hanspeter Schmitt, Grenzziehung am Ende des Lebens. Theologisch-ethische Wegmarken im Umgang mit dem Sterben, in: Stimmen der Zeit 230 (2012), 23-34.
(6) Vgl. zum Folgenden aus medizinethischer Sicht: Günther Pöltner, Grundkurs Medizin-Ethik, Wien 2002, 89-112; Dietmar Mieth, Grenzenlose Selbstbestimmung? Der Wille und die Würde Sterbender, Düsseldorf 2008; Giovanni Maio, Mittelpunkt Mensch. Ethik in der Medizin, Stuttgart 2012, 23-35, 122f.; Christoph Holzem, Patientenautonomie. Bioethische Erkundungen über einen funktionalen Begriff der Autonomie im medizinischen Kontext, Münster 1999. Grundlegend: Arno Anzenbacher, Einführung in die Ethik, Düsseldorf 1992, 50-80, 97-109
(7) Vgl. hierzu ausführlich: Hanspeter Schmitt, Leben – Freiheit – Würde. Ethische Analyse der organisierten Selbsttötungshilfe, in: Ethica 18 (2010) 129-159.
(8) Ders., Gleich-Gültig? Sich-Töten und humane Sterbegestaltung im rechtlichen Widerstreit. Zur aktuellen Gesetzesinitiative des Schweizerischen Bundesrates, in: Theologie und Seelsorge. Internetzeitschrift der THC (06.02.2010), www.thchur.ch/index.php?&na=12,0,0,0,d,120337,0,0,t [letzter Zugriff: 06.07.2014].
(9) Vgl. die Analyse einer schweizerischen Umfrage: Hanspeter Schmitt, Fragwürdige Befragung. Ist die Schweiz mehrheitlich für aktive Sterbehilfe?, in: Schweizerische Kirchenzeitung 178 (2010) H.42, 708-711.
(10) Hierzu: Klaus Strasser u.a. (Hg.), Begleitet sterben – leben im Übergang. Aspekte guter Sterbebegleitung, Gütersloh 2013; Hanspeter Schmitt, Human sterben – wie geht das? Ein Gestaltungskonzept wider das Töten am Lebensende, in: Zeitschrift für medizinische Ethik 56 (2010) 187-202.
(11) Vgl. exemplarisch: Manfred Belok/Urs Länzlinger/Hanspeter Schmitt (Hg.), Seelsorge in Palliative Care, Zürich 2012.

09.07.2014


Theologische Hochschule Chur, Alte Schanfiggerstr. 7, CH-7000 Chur
Telefon: +41 (0)81 254 99 99, Fax: +41 (0)81 254 99 98
E-Mail: sekretariatthchur.ch
Impressum

Aussenansicht 5