Theologische Hochschule Chur

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Keine Gewalt im Namen von Religion   

Von Manfred Belok

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Mit Entsetzen schaut die zivilisierte Welt derzeit auf Videos, die von islamischen Terrorgruppen ins Netz gestellt wurden. Sie stammen zum einen von der Terrormiliz Boko Haram, die in Afrika, im Norden Nigerias, Dörfer attackiert, Jungen und Männer entführt und insgesamt ca. 300 Schülerinnen verschleppt hat. Mehreren Dutzend Mädchen gelang zwar die Flucht, doch die meisten gelten als vermisst und laut jüngsten Meldungen hat der Boko-Haram-Führer seine Ankündigung wahrgemacht, er wolle die jungen Frauen zwangsverheiraten oder als Sklavinnen verkaufen. Der zweite Schauplatz des Terrors: der Mittlere Osten. Die Terrororganisation dort, die grössere Gebiete in Syrien und ein Drittel des irakischen Staatsgebietes unter ihre Gewalt gebracht hat, rief ein grenzüberschreitendes ‚Kalifat von Allah‘, die Stellvertretung Gottes auf Erden, aus – genau 90 Jahre, nachdem Mustafa Kemal Atatürk, Begründer der modernen Türkei, das Kalifat abschaffen liess. Allen muslimischen Nationalstaaten und Emi-raten spricht der selbst ernannte Kalif somit die Existenzberechtigung ab und ruft die Muslime weltweit auf, ihm die Treue zu schwören. ISIS (Islamischer Staat im Irak und in Syrien) oder schlicht IS (Islamischer Staat), kennt weder nationale Grenzen, noch territoriale Selbstbeschränkung. Die Terror-Milizen scheinen kaum zu stoppen zu sein. Sie sind bestens organisiert, finanziert und mit hochmodernen Waffen ausgerüstet, die sie von den fliehenden irakischen Soldaten in Mossul erbeutet haben. Die sunnitischen Dschihadisten, ca. 20 000 Mann, gehen dabei mit ungeheurer Brutalität vor. Wer sich ihrer Version des Islam nicht unterwirft, gilt als Feind des Islam – besonders die religiösen Minderheiten. So stehen zum Beispiel die Christen und die kleine Glaubensgemeinschaft der Jesiden im Herrschaftsgebiet der Terror-Milizen als Folge von Zwangskonversionen, Vertreibung und Mord vor der Auslöschung und versuchen, in die autonome Kurdenregion zu fliehen. Für die Christen bedeutet die Einnahme der Millio-nenmetropole Mossul und der christlichen Stadt Karakosch (dem biblischen Ninive) eine Verschärfung des Leidens, das mit dem Bürgerkrieg nach der Invasion des Irak (2003) begann.
Wie ist dies heute, im 21. Jahrhundert, noch möglich: Gewalt im Namen Gottes? Religions-kriege gibt es dort, wo Religionen beanspruchen, die einzige und wahre Religion zu sein und den einzigen und wahren Gott zu besitzen. Auch die Katholische Kirche kannte dies. Erinnert sei nur an die brutalen Methoden (wie Ketzerverbrennung) der Inquisition im Mittelalter gegen Glaubensabweichler bzw. „Ungläubige“. Erst im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965), im Dekret über die Religionsfreiheit, wurde jedem Menschen das Recht der freien Re-ligionswahl zugestanden und das Prinzip „ausserhalb der Kirche kein Heil“ aufgegeben. Das Christentum ist durch die Aufklärung gegangen, der Islam hat dies noch vor sich.
Rund 1,5 Milliarden Menschen weltweit bekennen sich zur jüngsten der drei monotheistischen Weltreligionen. Islam bedeutet wörtlich: „Hingabe an Gott, in Frieden leben“. Papst Benedikt XVI. zitierte 2006 in einer Rede in der Universität Regensburg über das Verhältnis von Vernunft und Religion eine scharfe Islamkritik eines byzantinischen Kaisers aus dem 14. Jahrhundert: „Er sagt, ich zitiere: Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du, so sagt er, nur Schlechtes und Inhumanes finden – wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“ Dieses Zitat löste heftige Kritik bei Muslimen in aller Welt aus. Verständlich, da leider nicht zugleich auch die Blütezeit islamischer Hochkultur mit ihrer Mystik und Gastfreundschaft gegenüber Fremden erinnert und gewürdigt wurde, der auch das christliche Abendland viel verdankt! Umso erstaunlicher aber, dass angesichts des mörderischen Treibens der IS-Terrorarmee diesmal kaum Wortmeldungen aus der muslimischen Welt vernehmbar sind, schon gar nicht in gleicher Weise laut-stark und unüberhörbar, sondern, wenn überhaupt, nur leise und vereinzelt, wie dankenswert-erweise von den beiden grössten islamischen Dachorganisationen der Schweiz. Am 7. Sep-tember findet in Bern ein Fürbittgottesdienst für religiöse Minderheiten statt, veranstaltet von der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz, einem Zusammenschluss der Evangelischen, Katholischen, Orthodoxen Kirchen und Gemeinschaften, sowie der Schweizerischen Evangelischen Allianz. Zu diesem Gebet sind auch Vertreter der Muslime eingeladen. Ein verbindendes Zeichen in der multireligiösen Schweiz. Solche Zeichen sind unerlässlich auf dem Weg zum Frieden zwischen den Religionen.

09.09.2014


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