Theologische Hochschule Chur

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Von Babylon nach Bivio: Eine Streitschrift für Sprachenvielfalt   

Von Christian Cebulj

Zu Romedi Arquint: Plädoyer für eine gelebte Mehrsprachigkeit. Die Sprachen im Räderwerk der Politik in der mehrsprachigen Schweiz und im europäischen Ausland, 158 Seiten, Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung 2014, ISBN 978-3-03823-910-9, CHF 31.90.

Der bekannte Engadiner Theologe und Politiker Romedi Arquint (72) ist ein Prototyp europäischer Mehrsprachigkeit, dessen Biografie sich zwischen den Koordinaten von Religion und Politik bewegt: Zunächst war Romedi Arquint reformierter Pfarrer in Bivio und Religionslehrer in Zuoz und Samedan. Zwischenzeitlich wirkte er als wiss. Adjunkt beim Bundesamt für Kultur in Bern und war Mitarbeiter bzw. Präsident der Lia Rumantscha. Später leitete er die Fachstelle für Religionsunterricht der Reformierten Landeskirche und war 1995-2010 Bündner Grossrat. Heute ist er Mitglied im Stiftungsrat der Stiftung CONVIVENZA (Disentis/Mustér), die mit dem Internationalen Zentrum für Minderheiten der Universität Zürich zusammenarbeitet.

Grosser Kämpfer für eine kleine Sprache
Weil er im Hinblick auf die Sprachenvielfalt einen „schleichenden Ausverkauf der Heimat“ befürchtet, hat der „grosse Kämpfer für eine kleine Sprache“, wie Arquint vom Schweizer Fernsehen einmal genannt wurde, kürzlich eine Streitschrift mit dem Titel „Plädoyer für eine gelebte Mehrsprachigkeit“ vorgelegt. Der höchst informative und spannend zu lesende Band lebt sowohl von Arquints persönlichen Prägungen als Mitglied der romanischen Sprachminderheit, als auch von verschiedenen politischen Erfahrungen, die ihn im Kontext Schweiz wie auch in verschiedenen europäischen Zusammenhängen für das Grundrecht auf Sprachenfreiheit sensibilisiert haben. Seine Streitschrift hat das Ziel, das Grundrecht auf Sprachenfreiheit in der Öffentlichkeit wieder stärker zur Geltung zu bringen.

Vom Latein des Mittelalters zum Deutsch der Reformation
In einem historischen Überblick zeigt Arquint auf, wie die Sprachen im Mittelalter Merkmal sozialer Differenzierung und Instrument politischer Machtausübung waren: Lingua franca war das Lateinische, das in Universitäten, Klöstern und Kanzleistuben verwendet wurde, Adelskreise pflegten eine europaweite Vorliebe für das Französische und in den Wissenschaften kämpften die Kultursprachen mit dem Lateinischen um die Vorherrschaft. Im Volk wurde eine Vielfalt an Dialekten gesprochen. Schliesslich hatte die Reformation den aufklärerischen Impetus, dem Volk seinen eigenen Zugang zur Bibel zu schaffen, um ihm eine stärkere persönliche Beschäftigung mit dem Glauben zu ermöglichen. So übersetzten die Reformatoren die biblischen Texte ins Deutsche, damit sie von möglichst vielen Gläubigen gelesen und verstanden werden konnten. Während an der Buchmesse in Frankfurt 1650 noch zwei Drittel der ausgestellten Bücher in lateinischer Sprache angeboten wurden, waren es 1770 nur noch 38 Prozent (vgl. S. 19).

Nationalsprachen als Identitätsfaktor im 19.Jh.
Mit dem Aufkommen der Nationalstaaten gelangen die Sprachen in den Fokus der Politik. So dienten die Nationalsprachen im 17./18. Jh. den sich neu bildenden Nationalstaaten als willkommenes Mittel, um eine emotional positive Bindung zu den Bürgern zu schaffen. Auch Im 19. Jh. wurden die Sprachen zum staatstragenden nationalen Identitätsfaktor (vgl. S. 25ff.). Nach Arquint verloren sie in dieser Epoche ihre politische Unschuld, denn mit dem Territorialitätsprinzip sicherte sich der Staat das Monopol über die jeweilige Sprache. Während die Nationalstaaten das Bild der Sprachenvielfalt in Europa grundlegend änderten und in den Nachbarländern das Konzept der Einsprachigkeit als Identitätsfaktor fungierte, blieb die Schweiz eine Ausnahme: Sie entzog sich der Begrifflichkeit der Nationalstaatsidee und definierte sich in der Bundesverfassung als „Sprach- und Kulturgemeinschaft" mit mehreren Landes- und Amtssprachen.

Mehrsprachigkeit in der jungen Schweiz
Während die Helvetische Republik von 1798 bis 1804 noch dreisprachig war, wurde ab 1814 das Deutsche zur Hauptnationalsprache. Die Verfassung von 1848 nennt Deutsch, Französisch und Italienisch die als Nationalsprachen anerkannten „Hauptsprachen“. Da der jungen Schweiz also die Sprache als nationales Identitätsmerkmal fehlte, musste sie sich nach Arquint auf andere „nationale Werte“ stützen. Auch die Wahl der Bundeshauptstadt Bern hing wesentlich mit deren Brückenfunktion zwischen den Sprachregionen zusammen. Die Bedrohung durch Faschismus und Nationalsozialismus führte im 20. Jh. schliesslich zu einer Mobilisierung der ‚alten Werte‘ der Eidgenossenschaft. Politisch kam dieser Wille auch in der Aufnahme des Romanischen als Landessprache in der Bundesverfassung zum Ausdruck. So wurde die Viersprachigkeit zu einem Wesensmerkmal der multinationalen Identität des Schweizer Bundesstaats (vgl. S. 63).

Mehrsprachigkeit und Schule
Da häufig die Kritik zu hören ist, das Lernen der Landessprachen in den Schulhäusern sei zur lustlosen Pflicht geworden, die dem Territorialitätsprinzip gehorche und nicht mehr als gesetzlich verordnete Pflicht sei, entfaltet Romedi Arquint sein (nicht unbescheidenes) Plädoyer für strukturelle Mehrsprachigkeit in den Schulen. Anstatt zu diskutieren, wann in der Primarschule mit dem Lernen in einer anderen Landessprache begonnen wird, bräuchte es seiner Meinung nach obligatorischen Klassenaustausch und zweisprachige Schulmodelle in allen Kantonen. Das Lernpotenzial, das Kinder in die Schule mitbringen, wird nach Arquint durch die Einsprachigkeit nicht ausgenützt. Deshalb sollte es langfristiges Ziel sein, das Schweizer Bildungssystem von der ‚Krankheit der Einsprachigkeit‘ zu befreien und auf eine Gesellschaft hinzuwirken, in der Mehrsprachigkeit als selbstverständlich empfunden wird (vgl. S. 145).

Religion und Mehrsprachigkeit
Arquint klagte einmal, die Mehrsprachigkeit würde das traurige Los der Gletscher teilen, denn selbst im letzten Rückzugsgebiet leiden diese zusehends an Substanzverlust. Um dem entgegenzutreten, bleibt dem Rezensenten nach der Lektüre des vorliegenden Buchs der Eindruck, dass nicht nur der Staat gefragt ist, wenn es gilt, multilinguale Identitäten zu stärken, sondern auch Kirche und Religionspädagogik. Seit langem sind Religion und Kirche wichtige Kulturträger der Mehrsprachigkeit. Sie stünde damit in der guten Tradition des Churer Bischofs Johannes Vonderach, der schon 1978 auf einer Tagung das Interesse der Kirche sowohl an der romanischen Sprache als auch an der Arbeit der Medien dokumentierte. Heute spiegelt sich das im romanischen Radio und Fernsehen wider, wo Religion und Glaube in verschiedenen Formaten thematisiert werden. Das religionspädagogische Forschungsprojekt „Religion und Mehrsprachigkeit“, das jetzt in Kooperation zwischen Pädagogischer Hochschule Graubünden und Theologischer Hochschule Chur durchgeführt wird, untersucht seit kurzem Chancen und Grenzen des mehrsprachigen Religionsunterrichts. Romedi Arquints Plädoyer gegen eine babylonische Sprachverwirrung und für eine gelebte Mehrsprachigkeit wird damit auf exemplarische Weise in den Schulalltag übersetzt. Sein neues Buch sei der interessierten Leserschaft sehr zur Lektüre empfohlen.

14.05.2015


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